Wer ist Ernst Bloch?

Ernst Bloch gilt als einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Bloch mit Hut

In der "Geschichte der Philosophie" wird seine Sonderstellung herausgehoben: "Es muß noch von einem Mann berichtet werden, der nirgendwo hinpaßt, nicht ins Kaiserreich und nicht in die Weimarer Republik, der vor dem Faschismus in die Tschechoslowakei, dann in die USA emigrieren mußte, der von 1948 bis 1965 Philosophieprofessor in Leipzig war, aber, weil man ihn dort nicht mehr haben wollte, 1961 in die Bundesrepublik umgesiedelt ist, um schließlich in Tübingen weiter Philosophie zu lehren, bis er 1977 im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Er erscheint nicht am Ende dieses Abschnitts des europäischen Denkens, weil er etwa als Summe oder letztes Wort zu verstehen ist. Er tritt an den Schluß [der neuzeitlichen Philosophie, K.K.], weil er in einer verzagten, skeptischen und zerrissenen Zeit noch immer sehr viel zu sagen hat. Als Kontrapunkt, denn Ernst Bloch – von dem hier die Rede ist – ist ein Philosoph der Hoffnung. Sein Leben lang hat sein Leben dem gegolten, was in der Vergangenheit ‚unerledigt‘ geblieben ist, womit die Gegenwart schwanger geht – das Morgen im Heute, das Mögliche, das bessere Leben, die konkrete Utopie." (Christoph Helferich, Geschichte der Philosophie, Metzler, Stuttgart 2001, 444)

Ernst Bloch wurde 1885 im damals bayrischen Ludwigshafen am Rhein in einem jüdischen Elternhaus geboren und studierte nach dem Abitur in München und Würzburg u.a. Philosophie. In den Jahren nach seiner Promotion schloss er Freundschaft mit Georg Lukács und verkehrte im Heidelberger Kreis um Max Weber. 1918 erschien das bedeutende Frühwerk Geist der Utopie.

Schon 1917 war Bloch in die Schweiz emigriert und hatte in Zeitungsartikeln und Broschüren gegen den Ersten Weltkrieg Stellung bezogen. Aus diesem politischen Engagement erwuchs die Begeisterung für die russische Revolution und die Ausrufung der deutschen Republik. Den letzten Zielhorizont, der den revolutionären Aufbrüchen die Hoffnung verleiht, bildet für Bloch die Eschatologie, wie er in Thomas Münzer als Theologe der Revolution am Beispiel der Bauernkriege zeigt.

In den zwanziger Jahren lebte Bloch vor allem in Berlin und hielt sich auch längere Zeit in Italien und Frankreich auf. Die philosophische Arbeit trat zurück, er schrieb Feuilletonartikel und literarische Aufsätze in den großen linksdemokratischen und liberalen Periodika der Weimarer Republik wie Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung, Das Tage-Buch oder Die Weltbühne.
Spuren, eines seiner schönsten Bücher, sammelt kurze erzählende Texte, die sich – annäherungsweise – als Parabeln definieren lassen und die zur Schullektüre geworden sind. Das Buch ist kein Nebenwerk des Philosophen, sondern wird von diesem später programmatisch als Band 1 an den Anfang der Gesamtausgabe gestellt.

1933 verließ Bloch Nazi-Deutschland – und beteiligte sich am publizistischen Kampf der Exilpresse gegen den Nationalsozialismus (z.B. in Freies Deutschland (Mexiko) oder in der Prager Neuen Weltbühne), den er schon früh etwa in dem 1924 erschienenen Aufsatz "Hitlers Gewalt" präzise kritisch analysiert hatte. Mit Erbschaft dieser Zeit, das große Beachtung fand (lobende Rezensionen u.a. von Thomas Mann und Hermann Hesse, aber Kritik aus Moskau), bescheinigt Bloch der Weimarer Linken von SPD bis KPD eine "Unterernährung an sozialistischer Phantasie" und fragt, ob es den Nazis nicht vielleicht aus diesem Grund so leicht gelang, die in den Widersprüchen der ungleichzeitigen Gesellschaft brennenden Energien für ihre Zwecke auszubeuten. Das Exil in den USA schnitt Bloch über ein Jahrzehnt lang von Publikationsmöglichkeiten seines philosophischen Werkes ab, dennoch arbeitete er höchst produktiv an umfangreichen Manuskripten wie Dreams of a better life (so der ursprüngliche Titel von Das Prinzip Hoffnung), aber auch am Naturrecht und am Buch Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel.

1949 war Bloch auf einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Leipzig berufen worden. Der von Anfang an schwelende Konflikt mit der SED brach 1956 offen aus, Blochs Philosophie wurde als "antimarxistisch" und "revisionistisch" heftig attackiert. Er durfte keine Vorlesungen mehr halten, seine Bücher wurden nicht mehr gedruckt. Es bleibt Blochs Verdienst, gegenüber der Staatsideologie antidogmatisch aufgetreten zu sein. Wer unter seinem Einfluss gestanden hatte – so die Bilanz des ansonsten gegenüber Bloch sehr kritischen Philosophen Leszek Kolakowski –, habe nicht mehr widerstandslos die Partei-Schemata geschluckt.

Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer kehrten Ernst und Karola Bloch von einer Reise nicht mehr in die DDR zurück, sondern siedelten sich dauerhaft im Westen an: Ernst Bloch lehrte nun als Gastprofessor in Tübingen, wo er als 76-Jähriger zu Beginn des Wintersemesters 1961 unter gewaltigem Zustrom die Antrittsvorlesung "Kann Hoffnung enttäuscht werden?" hielt und mehr und mehr zum Stichwortgeber der studentischen Proteste im Deutschland der sechziger Jahre wurde. Nach dem frühen Ruhm mit Geist der Utopie und Blochs Zeit als Professor in der DDR, begann hier die dritte große Wirkungsphase: Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag, zahlreiche Vorträge im In- und Ausland, weltweite Rezeption, Präsenz in den Medien, internationale Ehrungen. Bis zuletzt tätig, starb Bloch 1977 in Tübingen im Alter von fast 92 Jahren.

Lektürehinweise zur Biographie Ernst Blochs:

- BLOCH. Eine Bildmonographie
Hrsg. Ernst-Bloch-Zentrum, erarbeitet von Karlheinz Weigand, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.

- Arno Münster
ERNST BLOCH: Eine politische Biographie.
Philo & Philo, Berlin / Wien 2004.

- Peter Zudeik
DER HINTERN DES TEUFELS: Ernst Bloch – Leben und Werk.
Elster Verlag, Baden-Baden 1985.

- ERNST BLOCH: BRIEFE. 1903 – 1975. Zwei Bände.
Hrsg. von Karola Bloch, Jan Robert Bloch, Anne Frommann u.a., Suhrkamp Verlag 1985.

- Karola Bloch
AUS MEINEM LEBEN.
Verlag Günther Neske, Pfullingen 1981.

- Silvia Markun
ERNST BLOCH IN SELBSTZEUGNISSEN. rororo Bildmonographie.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1977