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Ernst Bloch gilt als einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1885 im damals bayrischen Ludwigshafen am Rhein in einem jüdischen Elternhaus geboren und studierte nach dem Abitur in München und Würzburg Philosophie. In den Jahren nach seiner Promotion schloss er Freundschaft mit Georg Lukács und verkehrte im Heidelberger Kreis um Max Weber. 1918 erschien das bedeutende Frühwerk Geist der Utopie. In den Zwanziger Jahren lebte Bloch als freier Autor in Berlin und pflegte regen Austausch mit Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Siegfried Kracauer, Otto Klemperer und anderen. 1933 wurde er ins Exil gezwungen und lebte ab 1938 in den USA. Dort entstanden zahlreiche Manuskripte zu späteren Büchern, vor allem sein großes Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Nach dem Krieg lehrte Bloch an den Universitäten in Leipzig und - ab 1961 - in Tübingen. Dort starb er 1977, bis zuletzt tätig, im Alter von 92 Jahren.

Eine Einführung in Leben und Werk des Philosophen gibt ein Text von Karlheinz Weigand, dem Leiter des Ernst-Bloch-Archivs.


Einführung in Ernst Blochs Leben und Werk

Bloch wuchs in der Arbeiterstadt Ludwigshafen auf. Den Gegensatz von Ludwigshafen und Mannheim, seiner Nachbarstadt, also von Industriewelt und geerbter bürgerlicher Kultur, hat er bis ins hohe Alter als für sein Denken konstitutiv angesehen.

Im Zusammenhang mit der Doktorarbeit über Erkenntnistheorie fand er den Ausgangspunkt seiner eigenen Philosophie: die doppelte Bewegung auf das "Noch-Nicht-Bewusste" und das "Noch-Nicht-Gewordene". Im ersten großen Buch, im Geist der Utopie, wird der utopische und hoffende Ausgriff auf das Noch-Nicht des Künftigen formuliert. Es geht darum, daß wir uns selbst aus den Horizonten des uns Möglichen finden, und das Hoffen klären, mit dem wir immer schon nach vorne unterwegs sind.

Die Zukunft ist dabei prinzipiell offen, sie wird nicht ausgemalt. Ähnlich steht es mit der Hereinnahme der marxistischen Lehre ins Gedankengebäude von Geist der Utopie, im Kapitel mit dem bezeichnenden Titel "Karl Marx, der Tod und die Apokalypse": Was wirtschaftlich kommen soll, die notwendige ökonomisch-institutionelle Änderung, sei bei Marx bestimmt, keineswegs jedoch all die transzendierenden Momente, "die neuen, eigentlichsten Abenteuer des freigelegten Lebens, das Wozu". Die Marxsche Sozialkonstruktion müsse eingebracht werden in eine metaphysische, ja religiöse Perspektive - Programmentwurf für Blochs gesamtes späteres Werk. Und die Apokalypse schließlich; hier ist völlig offen, ob sie Auslöschung oder Erfüllung sein wird; "unserer Hoffnung aber bleibt" - so Blochs in jüdisch-christlichen Metaphern ausgedrückte atheistische Religion - der in uns Menschen selber reifende Gott. Geist der Utopie bündelt wesentliche Strömungen des damaligen philosophischen und theologischen Diskurses; das Buch wurde vielfach besprochen, es brachte dem jungen Philosophen Ruhm und Anerkennung.

Während des Ersten Weltkriegs war Bloch in die Schweiz emigriert und hatte pazifistische Zeitungsartikel und Broschüren verfasst. Aus diesem politischen Engagement erwuchs konsequent die Begeisterung über die russische Revolution und die Ausrufung der deutschen Republik. Den letzten Zielhorizont, der den revolutionären Aufbrüchen die Hoffnung verleiht, bildet für Bloch die Eschatologie, wie er in Thomas Münzer als Theologe der Revolution an den Bauernkriegen zeigt.

In den Zwanziger Jahren lebte Bloch vor allem in Berlin und hielt sich auch längere Zeit in Italien und Frankreich auf. Die philosophische Arbeit trat zurück, er schrieb Feuilletonartikel und literarische Aufsätze in den großen linksdemokratischen Periodika der Weimarer Republik wie Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung, Das Tage-Buch oder Die Weltbühne.

Spuren, eines seiner schönsten Bücher, sammelt kurze erzählende Texte mit einem nachdenkenswerten "Merke", die sich - annäherungsweise - als Parabeln definieren lassen und die zur Schullektüre geworden sind. Das Buch ist kein Nebenwerk des Philosophen, er wird es später (1959) programmatisch als Band 1 an den Anfang der Gesamtausgabe stellen.

1933 verließ Bloch Nazi-Deutschland - und beteiligte sich am publizistischen Kampf der Exilpresse gegen Hitlers Politik - z.B. Bloch in der Prager Neuen Weltbühne oder in Freies Deutschland (Mexiko) -, die er schon früh, 1924 im Aufsatz "Hitlers Gewalt", durchschaut hatte. Mit Erbschaft dieser Zeit, das international Beachtung fand - lobende Rezensionen u.a. von Thomas Mann und Hermann Hesse, aber Kritik aus Moskau -, bescheinigt Bloch der Weimarer Linken von SPD bis KPD eine "Unterernährung an sozialistischer Phantasie" und fragt, ob es den Nazis nicht vielleicht aus diesem Grund so leicht gelang, die in den Widersprüchen der ungleichzeitigen Gesellschaft brennenden Energien für ihre Zwecke auszubeuten. Das Exil in den USA schnitt Bloch über ein Jahrzehnt lang von Publikationsmöglichkeiten seines philosophischen Werkes ab, dennoch arbeitete er höchst produktiv an umfangreichen Manuskripten, vor allem an "The dreams of a better life" - so der ursprüngliche Titel von Das Prinzip Hoffnung, aber auch am Naturrecht und am Buch Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel.

Mit der Rückkehr nach Deutschland und der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Leipzig kam für den fast völlig vergessenen Emigranten die große Wende: Bloch wurde ein bei den Studenten beliebter Professor, seine Bücher erschienen in rascher Folge im Ostberliner Aufbau-Verlag, es häuften sich die Ehrungen, besonders zum 70. Geburtstag 1955. Das Prinzip Hoffnung, Blochs Hauptwerk, greift den Impuls aus dem Geist der Utopie wieder auf: "Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?" 55 Kapitel enthält Das Prinzip Hoffnung, von denen manche den Umfang eines ganzen Buches haben. Mit "kleinen Tagträumen" wird als erstem Teil begonnen so die Wendung zur Zukunft vorbereitet; der zweite Teil erhebt sich ins Grundsätzliche, zum "antizipierenden Bewußtsein"; es folgen die "Wunschbilder im Spiegel", bis zum Reisen, zum Film, zur Bühne. "Grundrisse einer besseren Welt" heißt der vierte Teil, der fünfte "Wunschbilder des erfüllten Augenblicks", wobei immer neue Querschnitte des Menschheitsweges geboten werden, angefangen bei den Sozialutopien, über die technischen, architektonischen und geographischen Utopien, über Malerei, Oper, Dichtung, zur Geschichte der Philosophie als"Weisheit sub specie aeternitatis und des Prozesses". Nun gelangt Bloch zur "stärksten Nichtutopie: dem Tod", um dann eine Weltgeschichte der Religion zu entrollen und, wie vier Jahrzehnte zuvor im Geist der Utopie, mit einem Kapitel über Marx zu schließen.

Ein Resümee bleibt unmöglich, denn Das Prinzip Hoffnung ist von enzyklopädischer Breite. Das Wesentliche scheint folgende Passage am Ende zu meinen, welche Gedanken aus dem Geist der Utopie akzentuiert, und zwar in einer, wie Adorno gesagt hat, paradoxen Einheit von Theologie und Atheismus: "Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende."

Der von Anfang an schwelende Konflikt mit der SED brach 1956 offen aus, Blochs Philosophie wurde als "antimarxistisch" und "revisionistisch" heftig attackiert. Er durfte keine Vorlesungen mehr halten, seine Bücher wurden nicht mehr gedruckt. Es bleibt Blochs Verdienst, gegenüber der Staatsideologie antidogmatisch aufgetreten zu sein. Wer unter seinem Einfluss gestanden hatte - so die Bilanz des ansonsten gegenüber Bloch sehr kritischen Philosophen Leszek Kolakowski -, habe nicht mehr widerstandslos die Partei-Schemata geschluckt.

Beim Bau der Berliner Mauer blieb Bloch im Westen. Mit 76 Jahren noch einmal ein Ortswechsel: Er lehrte nun als Gastprofessor in Tübingen, wo er zu Beginn des Wintersemesters 1961 unter gewaltigem Zustrom die Antrittsvorlesung "Kann Hoffnung enttäuscht werden?" hielt. Jetzt begann Blochs Wirkung: Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, zahlreiche Vorträge im In- und Ausland, Rezeption bis nach Japan, Präsenz in den Medien, internationale Ehrungen.

Nicht alle Aspekte des vielfältigen Oeuvres können hier berücksichtigt werden. Da wären etwa zu nennen die gar nicht spröde geschriebene Tübinger Einleitung in die Philosophie mit ihrer Mischung von propädeutisch Didaktischem und eigener Denkposition, das schwierige Alterswerk Experimentum mundi mit der "Kategorienlehre" und der Kategorie "Möglichkeit im Laboratorium Welt", oder auch - als Ergänzung zur Darstellung der Sozialutopien in Das Prinzip Hoffnung - die politische Grundlagendiskussion um die Menschenrechte durch die europäische Tradition hindurch im zu wenig beachteten Buch Naturrecht und menschliche Würde. Lesenswert schließlich die aus ganz persönlichem Blickwinkel beleuchtete Philosophiegeschichte von der griechischen Antike bis ins 20. Jahrhundert in den posthum erschienenen Leipziger Vorlesungen.

Von besonderer Nachwirkung ist das Buch Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs, die 'Theologie der Hoffnung' (Johann B. Metz, Jürgen Moltmann u.a.) und die lateinamerikanische 'Theologie der Befreiung' sind von ihm inspiriert. Es geht Bloch darum, die Geltung der religiösen Wunschbilder, die Das Prinzip Hoffnung vorgeführt hatte, herauszuarbeiten und zu zeigen, dass das in ihnen enthaltene Streben nach Erfüllung berechtigt ist. Das Reich Gottes wird so zu einem utopischen Begriff dessen, was "Reich der Freiheit" meinen könnte. Bloch liest die Bibel als ein revolutionäres Buch der Offenbarwerdung des Humanum absconditum. So gehört Theologie, wenn auch zur Tradition in Spannung stehend, als Abschluss unabdingbar in den Zusammenhang des Blochschen philosophischen und geschichtlichen Denkens; so gesehen hatten seine Gegner in der DDR Grund, Bloch als verkappten Metaphysiker zu attackieren.

Utopie wird gegenwärtig negativ beurteilt. Davon ist auch Blochs Wirkung betroffen, obwohl sein Utopie-Begriff nicht einfach als mit dem zusammengebrochenen sog. real existierenden Sozialismus identisch ad acta gelegt werden kann. Dass eine Philosophie dem Zeitgeist unangemessen erscheint, nimmt ihr im übrigen nicht die prinzipielle Bedeutung. Eine adäquate Bewertung Blochs bleibt abzuwarten.


Eine ausführliche Beschäftigung mit den blochschen Themen Hoffnung, Arbeitskultur, Heimat, Aufrechter Gang, Künste, Naturallianz und Religion finden Sie bei den Themensatelliten der Ausstellung, die auch als interaktive Filme zur Verfügung stehen.

Die Ernst-Bloch-Assoziation bietet ein Bloch-Online-Wörterbuch an, das über Ernst Bloch, seine Philosophie und zentrale Begriffen informiert.

Weitere Biographien: 
Kurzbiographie Ernst Bloch“ von Burghart Schmidt
Ernst Bloch“ von Detlef Horster, in: Metzlers Philosophen-Lexikon (mit freundlicher Genehmigung des Metzler-Verlags)
Ernst Bloch´s Basic Ideas“, der amerikanische Bloch-Kenner John K. Dickinson zu den wichtigsten Stichwörtern der Philosophie Ernst Blochs

 
 
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